«Die Enttäuschung des Jahres»

Campino brächte es nie übers Herz, CDU zu wählen. Und der ideale deutsche Kanzler wäre für ihn jemand anderes als Angela Merkel.

Andreas Frege alias Campino.

Andreas Frege alias Campino.

Der Rockmusiker wählt grün und fordert Merkel zum Durchhalten auf.

Sänger und Frontmann der Toten Hosen.

Sänger und Frontmann der Toten Hosen.

Denn ihre Politik findet Campino überraschend positiv.

Campino äussert sich zur Situation in Deutschland.

Campino äussert sich zur Situation in Deutschland.

Mit Campino sprachen Patrick Kühnis und Dominique Eigenmann in Basel.
Fotos und Video: Thomas Egli

Um alle möglichen Länder hatte man sich zu Beginn dieses europäischen Superwahljahres gesorgt: um Holland, um Frankreich, um Österreich, um Italien, um das vom Brexit verstörte Grossbritannien – aber nicht um Deutschland, den Hort wirtschaftlicher und politischer Standfestigkeit in der Mitte Europas.

Erst lief auch alles nach Plan. Der Wahlkampf hatte kaum begonnen, da war bereits klar, dass die Langzeitkanzlerin Angela Merkel weiterregieren würde. Irgendwie. Über das Wie begann man zu rätseln, als gewählt war, am Ende eines regnerischen Sommers: Merkel hatte überraschend 1:0 verloren, wie Kommentatoren flachsten, die Sozialdemokraten standen bei 0:3, dafür sprang die rechte Alternative für Deutschland aus dem Unterhaus direkt auf den dritten Platz der höchsten Liga. Alsbald dämmerte es den Beobachtern, dass nur eine bisher unerprobte Jamaika-Allianz aus Union, Liberalen und Grünen dem Land überhaupt noch eine Regierung verschaffen könnte.

Die unselige Reise in die Karibik jedoch endete nach wochenlangem Dümpeln im Desaster. Exit Jamaika, auf die Bühne tritt: eine neue Grosse Koalition? Ob Christ- und Sozialdemokraten irgendwann im nächsten Frühling nochmals unter Merkel gemeinsam regieren oder ob Deutschland unweigerlich Richtung Neuwahlen taumelt, weiss derzeit niemand. Das Land ist in einen eigenartigen Schwebezustand geraten. Bringt er das Ende von etwas Altem? Den Anfang von etwas Neuem? Oder handelt es sich um einen Moment unvermuteter, erhellender, erschütternder Ratlosigkeit?

Die Serie
Und jetzt? Gespräche zum Jahreswechsel
Zwischen Weihnachten und Neujahr unterhalten wir uns mit zehn Interviewpartnern über das, was die Schweiz und die Welt bewegt. Zu Beginn steht immer ein Bild aus dem Jahr 2017. Und die Frage: Was wird jetzt daraus?

Weitere Gespräche finden Sie in unserer Collection auf tagesanzeiger.ch oder auf derbund.ch.

Als Sie mit den Toten Hosen anfingen, wurde Helmut Kohl Kanzler – er blieb zeitlebens ein Feindbild. Angela Merkel stammt aus derselben Partei, doch Sie reden ganz anders über sie. Warum?
Helmut Kohl mochte ich wirklich nicht – und er uns auch nicht. Ihm war einmal zu Ohren gekommen, dass das Goethe-Institut die Toten Hosen ins Ausland schickte, um das deutsche Kulturgut zu repräsentieren. Die Toten Hosen? Das kann doch nicht wahr sein!, fand er. Wir flogen prompt aus dem Förderprogramm. Das war lustig.

Das hat die gegenseitige Abneigung sicher gefestigt.
Der Rausschmiss ging für mich in Ordnung. Mein Verhältnis zu Deutschland war immer etwas kompliziert, weil ich halb Deutscher, halb Engländer bin. In meiner Familie spielten die Kriegsgeschichte und die Rivalität der Länder eine grosse Rolle. Mein deutscher Vater war politisch sehr engagiert, in der CDU. Als Fünf- oder Sechsjähriger ging ich regelmässig mit ihm durch den Ort und wurde dazu missbraucht, CDU-Prospekte in die Briefkästen zu stecken.

So etwas prägt.
Alles längst verziehen. Mein Verhältnis zu Deutschland hat sich am meisten geändert, wenn ich im Ausland war. Da habe ich auch mit Kohl eine Überraschung erlebt. Wir waren in Frankreich auf Tour, als ich eine Fernsehsendung mit ihm sah. Er beantwortete zwei Stunden lang Bürgerfragen. Ich war verblüfft, wie unglaublich charmant er den Franzosen gegenüber war, und fiel aus allen Wolken. Da war Helmut Kohl plötzlich nicht mehr der piefige Alte aus Oggersheim, der immer nur seine Spiessigkeit zu Markte getragen hatte. Ich war verwirrt. Es konnte doch nicht sein, dass eine Fernsehshow komplett das Bild über den Haufen warf, das ich von diesem Menschen hatte!

Und Angela Merkel?
Ich werde in Deutschland gerne als unglaublicher Merkel-Fan hingestellt. Vielleicht reibt man sich einfach nur die Hände, wenn einer wie ich auch mal etwas Positives über sie sagt. Dabei versuche ich nur realistisch zu bleiben: Wer soll denn jetzt das Kanzleramt übernehmen, wenn nicht sie? Da geht es doch vor allem darum, das Schlimmste zu verhindern. Ich habe mein Leben lang nie CDU gewählt, das brächte ich nicht übers Herz. Und trotzdem glaube ich nicht, meine Ideale zu verraten, wenn ich gewisse Dinge an Merkels Politik überraschend positiv finde.

Was zum Beispiel?
Dass sie keine Parteisoldatin ist. Dass sie sehr pragmatisch regiert. Sie ist bestimmt keine grosse Visionärin. Aber in einer Zeit, in der wir mit Trump, Putin, Erdogan von lauter Machos umgeben sind, kann sie als Frau ganz anders in harte Verhandlungen steigen. Sie ist ganz gut darin, ihr Gesicht zu wahren und dies auch ihrem Gegenüber zu erlauben. Etwas, was man zurzeit von kaum einem anderen deutschen Politiker behaupten kann. Wenn sich Martin Schulz schon am verlorenen Wahlabend zu beleidigten Kommentaren hinreissen lässt, wie würde er sich dann erst auf der grossen Bühne verhalten, wenn er doch schon im Vorprogramm versagt?

Das Interview

Campino äussert sich zur politischen Lage in Deutschland nach den Wahlen 2017. Zu Angela Merkel als Bundeskanzlerin, meint er: «Wer soll denn jetzt das Kanzleramt übernehmen, wenn nicht sie?»

«Die Leute schreien sich in den sozialen Medien an, ... »

«... ohne einander zuzuhören.»

«Egal, was ich sage, es führt immer zu einem Shitstorm.»

Wird das Visionäre in der Politik überschätzt?
Als Barack Obama gewählt wurde, galt er als grosser Hoffnungsträger. Als einer, der auch grossartig reden kann. In der Realität zeigte sich, dass selbst er in seiner Position nicht sehr viel zu bewirken vermochte. Visionen allein reichen also nicht. In dieser Hinsicht traue ich Angela Merkel nach 12 Jahren noch zu, die beste aller realistischen Optionen zu sein. Die Grosse Koalition wurde sicherlich bei der Wahl abgestraft. Wenn sie nun aber unter erschwerten Bedingungen noch einmal herhalten muss, wird sie vielleicht von der Bevölkerung ganz anders wahrgenommen.

Kürzlich forderten Sie die Kanzlerin dazu auf, «durchzuhalten», und ernteten dafür viel Häme. «Jetzt ist Punk definitiv tot!», schimpfte einer.
Egal, was für ein Statement ich abgebe, es führt immer zu einem Shitstorm. Mal bin ich der lallende Juso, jetzt der CDU-Fan. Das ist das Resultat der «neuen Gesprächskultur». Die Leute schreien sich in den sozialen Medien an, ohne einander zuzuhören. In diesem Fall nahmen die Nachrichtenagenturen aus einem längeren Gespräch einen Halbsatz und bastelten daraus eine Schlagzeile.

Warum muss Merkel durchhalten?
Wer wäre in der aktuellen Konstellation denn geeigneter? Sie hat in ihren 12 Jahren als Kanzlerin und auch davor nie für politische Skandale gesorgt. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sie mal für viel Geld bei einem Grosskonzern anheuert, wenn sie als Kanzlerin aufhört. Das ist doch schon mal was.

Schon gar nicht bei einem russischen wie Gerhard Schröder.
Ich mag da gar keine Namen nennen, aber bei Angela Merkel kann ich es mir schlicht nicht vorstellen. Und ich muss mich nicht verbiegen, um zu sagen, dass ich sehr viel Respekt vor der Art und Weise habe, wie sie mit der Flüchtlingskrise umgeht.

Umso erstaunlicher ist die Hysterie, die sie heute auslöst. Die einen glauben, dass sie Deutschland abschaffen will, andere fürchten, dass ohne sie das Chaos ausbricht. Wie konnte es so weit kommen?
In einer idealen Welt wäre für mich aktuell Grünen-Chef Cem Özdemir der beste Kanzler. Aber das ist vorerst wohl nur ein Traum. Vom Personal, das jetzt zur Verfügung steht, bleibt Angela Merkel in meinen Augen die vernünftigste Wahl. Das wäre alles andere als ein Neuanfang, klar. Aber eben auch nicht das schlimmste Szenario. Ich frage mich: Worüber beklagt sich eigentlich die Mehrheit der Leute?

Wirtschaftlich geht es Deutschland ausgezeichnet.
Die ökonomische Entwicklung hinterlässt zweifellos auch Verlierer. Die Schere zwischen Arm und Reich entwickelt sich besorgniserregend, ein weltweites Phänomen. Aber wenn wir uns die Wirtschaftskraft und die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland ansehen, ging es in den letzten Jahren ziemlich nach oben. Wie können da Parteien in ihrem Wahlprogramm behaupten, es sei grundsätzlich alles schlecht?

Zur Person
Campino (55), Frontmann und Fussballfan
Campino, der eigentlich Andreas Frege heisst, wurde am 22. Juni 1962 in Düsseldorf geboren. Er ist seit 35 Jahren Sänger und Frontmann der Toten Hosen. Die Band, die ihre Wurzeln im Punkrock hat und immer wieder politische und sozialkritische Themen verarbeitet, hat im deutschsprachigen Raum über 18 Millionen Platten verkauft. Von ihr stammen Hits wie «Hier kommt Alex», «Alles aus Liebe» oder «Tage wie diese». Neben der Musik gehört Campinos grosse Leidenschaft dem Fussball. Er ist glühender Fan von Liverpool, die Band unterstützt zudem Fortuna Düsseldorf. An der Fussball-WM drückt der Sänger nicht Deutschland, sondern England die Daumen. Die Toten Hosen treten am 9. Februar bei den Swiss Music Awards im Hallenstadion auf. Ihr nächstes grosses Open-Air-Konzert in der Schweiz geben sie am 25. August 2018 auf der Luzerner Allmend. (Red)

Darüber, wie Deutschland nach den Wahlen 2017 tönt und ob Angela Merkel die Richtige ist, um das gespaltene Deutschland in die Zukunft zu führen, spricht Campino im Video. (Video: Thomas Egli)

Auch die Schweiz floriert. Trotzdem ist die Schwarzmalerpartei SVP stärkste Kraft.
Solchen Parteien gelingt es, politische Themen mittels Drohgebärden und Angstmache zu emotionalisieren. Radikale Islamisten leisten ihnen Schützenhilfe. Wenn Terrororganisationen wie der Islamische Staat versuchen, mit ihren Anschlägen Europa und die Welt zu destabilisieren, arbeiten sie damit rechten Parteien in die Hände.

Sie kennen die Schweiz gut. Wo sehen Sie Unterschiede zu Deutschland?
In der Art, wie sich die Bürger ständig einbringen können oder wie die Regierung gewählt wird, zeigen sich gewaltige Unterschiede zu unserer politischen Kultur. In der Schweiz gibt es auch kaum erdrutschartige Verwerfungen im Parteiengefüge. Der Hang zur Stabilität lässt die Menschen relativ souverän zur Wahlurne schreiten. Trotzdem frage ich mich bei einigen Entscheidungen, wie lange das noch gut geht. Wenn die Schweiz Minarette verbietet oder demnächst darüber entscheidet, ob sie den öffentlich-rechtlichen Sendern den Geldhahn zudreht, dann flehe ich die Leute an: Lasst die Vernunft walten!

Warum ist Ihnen das so wichtig?
Auch mir rollen sich manchmal die Fussnägel hoch, wenn ich sehe, was der staatliche Rundfunk inzwischen für Sendungen ausstrahlt. Trotzdem glaube ich, dass diese Medien eine Instanz sind, die wir nicht aufs Spiel setzen dürfen. Wir wollen doch keine amerikanischen Verhältnisse! Es darf nicht passieren, dass die Leute mit dem meisten Geld vorschreiben, was in den Nachrichten läuft. Bei solchen Abstimmungen schwitze ich mit und hoffe, dass sich am Ende der gesunde Menschenverstand durchsetzt.

Führen Sie noch Tagebuch?
Ja.

Wissen Sie noch, was Sie am Abend der Bundestagswahl notiert haben?
Nicht genau. Aber mein erster Gedanke war, dass alles so herausgekommen ist, wie man vermuten konnte – etwa der Erfolg der Alternative für Deutschland. Erst am nächsten Morgen realisierte ich, dass die Situation viel komplizierter ist. Ich war entsetzt, wie störrisch sich SPD-Chef Martin Schulz verhielt. Nach seiner totalen Absage an eine erneute Grosse Koalition war klar: In Deutschland wird sich doch einiges ändern.

«Nach dem ersten Schock konnte ich mir eine Jamaika-Koalition als gar kein so schlechter Weg vorstellen.»

Hat Sie das überrascht?
In der Form fand ich Schulz’ Verhalten schwach. Ich hätte mir mehr Souveränität erhofft. Dass er erst eine Nacht darüber nachdenkt, bevor er sich abschliessend äussert. Stattdessen spielte er die beleidigte Leberwurst.

Wie erlebten Sie die Tage danach?
Nach dem ersten Schock konnte ich mir durchaus vorstellen, dass eine Jamaika-Koalition aus CDU/CSU, FDP und Grünen vielleicht gar kein so schlechter Weg für das Land wäre. Eine Regierung, die einerseits für Erfahrung und Stabilität steht, andererseits durch diesen Schuss Grün andere Denkkonzepte mitbringt. Danach haben sich vor der Wahl doch alle gesehnt.

«International steht Deutschland als Stabilisator da.»

«Als bindendes Element für ein friedliches und gemeinschaftliches Europa.»

Der Ausflug nach Jamaika wurde zum Desaster.
Die FDP hat sich leider genau so verhalten wie befürchtet. Wenn ihr Chef Christian Lindner aufrichtig gewesen und es ihm wirklich um Inhalte gegangen wäre, hätte er den anderen gesagt: Leute, es geht doch nicht miteinander, wir verkünden jetzt gemeinsam das Aus. Doch er wählte lieber einen strategischen Zug, um möglichst gut dazustehen. Das war für mich politisch die Enttäuschung des Jahres. Als ich davon erfuhr, bin ich so heiss gelaufen, dass ich froh war, dass kein Mikrofon in der Nähe war. Ich glaube, dass sich die FDP damit sehr geschadet hat. Es reicht eben nicht, sich als Partei neu zu erfinden, indem man das Programm rosa einfärbt und sich bei einem Fashion-Fotografen eine schnittige Kampagne bestellt.

Für Deutschland war es sehr ungewöhnlich, dass am Wahlabend nicht klar war, wer künftig regieren wird. Wie nehmen Sie diesen Schwebezustand wahr, der nun schon drei Monate andauert?
Ich wundere mich, dass die Parteien nicht offensiver damit umgehen. Dass sie sagen: Uns gefällt diese Situation auch nicht, aber wir machen jetzt das Beste daraus – auch wenn dabei einige unserer Ziele auf der Strecke bleiben. Ich glaube, dass die Menschen in Deutschland dafür Verständnis hätten. Hauptsache, es geht weiter.

Wie soll es denn weitergehen?
Ich bin mir sicher, dass die grosse Mehrheit keine Neuwahlen will. Immerhin hat die SPD jetzt ihre stoische Haltung aufgegeben. Ich fand interessant, dass die CDU und die Grünen noch am ehesten bereit waren, mit dem Wahlergebnis pragmatisch umzugehen. Vor allem die Grünen haben bewiesen, dass sie reif genug sind, Verantwortung zu übernehmen. Sie haben an Kontur gewonnen. Das macht mich glücklich.

Sind die Grünen Ihre Favoriten?
Wir Toten Hosen predigen den Leuten nicht vor, wen sie zu wählen oder nicht zu wählen haben. Aber wenn Sie sich die Texte und unser Engagement anschauen, ist es nicht schwer zu erraten, dass wir den Grünen nahe sind. Ich selber wähle die Partei, seit es sie gibt. Mal mit mehr, mal mit weniger Kopfschmerzen. Zurzeit tut es deutlich weniger weh.

Früher kam die Wut vor allem von links – gegen Aufrüstung, gegen Nazis, gegen Atomkraft. Jetzt haben die rechten Wutbürger die Wahl gewonnen. Was ist da passiert?
Die Proteste gegen Wackersdorf und die Aufrüstung fielen noch in die Zeit des Eisernen Vorhangs. Seither hat sich die Weltlage radikal geändert. In den Neunzigerjahren dominierte die Euphorie über den Fall der Mauer, wir feierten die Vision eines vereinten Europas. Jetzt werden wieder Ängste geschürt. Die Rechte hat sich umgesehen und gemerkt, was in anderen Ländern funktioniert. Angstmache verspricht immer Erfolg. Reale Probleme wie die Kriege in Syrien oder Afrika und deren Folgen spielen ihnen in die Hände. Plötzlich entscheidet sich England für den Brexit, ziehen sich viele Länder Osteuropas auf reaktionäre Positionen zurück. Insofern ist das Wiedererstarken des rechten politischen Rands erklärbar und bestimmt kein ausschliesslich deutsches Phänomen.

Deutschland war vielmehr das letzte Land Mitteleuropas, in dem sich Rechtspopulisten etablierten.
Die hohe Zahl der Flüchtlinge stellte uns ab 2015 vor schwere Herausforderungen – praktischer und symbolischer Art. Die Angst vor dem Terror und die Momente, als es tatsächlich zu Anschlägen kam, haben die Bevölkerung verunsichert. Trotzdem ist das Land in der Balance geblieben und die Stimmung nicht wirklich gekippt. Die aktuellen Diskussionen über Flüchtlinge geben meist nur ein Zerrbild wieder, weil sie das Positive unterschlagen: wie viele Leben unsere Politik gerettet hat. Hunderttausende Menschen haben jetzt wieder eine Perspektive. Das ist inzwischen leider kaum mehr eine Meldung wert.

«Trotz grossen Herausforderungen ist das Land in der Balance geblieben.»

Es gab eine Zeit, da durfte man fast nur positiv über Flüchtlinge sprechen. Inzwischen darf man kaum mehr Gutes sagen über sie. Wann haben Sie gespürt, dass sich die Stimmung ändert?
Nach der Silvesternacht von Köln, die für grosse Erschütterung sorgte. Dann gab es Schlagzeilen, weil in diesem oder jenem Dorf etwa die Zahl der Ladendiebstähle stieg. Die Angriffe auf Flüchtlingsheime wurden im Vergleich dazu viel weniger beachtet, obwohl es zeitweise mehrere Attacken pro Tag gab. Insofern hatte auch die Berichterstattung ihren Anteil daran, dass die Stimmung feindseliger wurde. Die Flüchtlingsdiskussion wurde zusehends emotional geführt statt rational. Simple Plus-Minus-Rechnungen verfehlen das Problem aber auch: Jeder Übergriff, jede kriminelle Tat ist so entsetzlich, dass man sie nicht einfach mit dem Positiven verrechnen kann. Trotzdem behaupte ich, dass es uns seit 2015 insgesamt nicht schlechter geht. Deutschland hat in der Welt einen guten Eindruck hinterlassen.

Was heisst für Sie heute Solidarität?
Deutschland hat eine grosse geschichtliche Verantwortung, weil von unserem Land vor gar nicht so langer Zeit viel Tod und Terror ausgegangen ist. Wir sollten der Welt beweisen, dass wir langfristig eine positive Rolle spielen können. Ich reise sehr viel herum, war mit der Band zum Beispiel oft in Argentinien und habe festgestellt, wie sich das Image der Deutschen seit 1990 zum Guten gewandelt hat. International steht das Land als Stabilisator da, als das bindende Element für ein friedliches und gemeinschaftliches Europa. Schade nur, dass politische Kräfte jetzt wieder zündeln und das aufs Spiel setzen.

«Hetzkampagnen haben viele Künstler so verunsichert, dass sie lieber nichts sagen.»

«Wenn ein Musiker politisch etwas auf dem Herzen hat, ... »

« ... soll er es raushauen. Unbedingt.»

Sich rassistisch oder nationalistisch zu äussern, war in Deutschland lange quasi tabu. Die AfD hat es wieder salonfähig gemacht. Wie gehen Sie damit um?
Ich glaube, dass viele AfD-Wähler gar keine überzeugten Rechten sind. Ihnen ging es einfach darum, «denen da oben» einen Denkzettel zu verpassen. Viele Menschen, die in ländlichen Gebieten wie Mecklenburg-Vorpommern leben, fühlen sich einfach abgehängt. Es ist uns seit der Wende nicht gelungen, ihnen eine Zukunft zu geben. Wir müssen unbedingt daran arbeiten, diese Gegenden als Wohn- und Arbeitsorte attraktiv zu gestalten – auch für kreative junge Menschen, weil die sonst alle wegziehen. Wer bleibt – vielfach sind es Rentner –, hat keine Perspektive mehr, dass sich in seinem Leben noch etwas ändert. Aus diesem Frust heraus ist auch deren politische Haltung häufig so extrem.

Welche Zukunft sehen Sie für die AfD?
Solange Europa die Zuwanderung nicht in den Griff bekommt und die Länder untereinander nicht solidarisch sind, so lange ist für diese extremen Parteien Zündstoff da. Dass die Engländer für den Brexit gestimmt haben, war ein Zeichen mangelnder Solidarität. Ich bin auch enttäuscht von Ländern wie Ungarn und Polen, die ebenfalls Solidarität vermissen lassen, obwohl sie unglaublich von Europa profitiert haben. Dass ausgerechnet die neuen EU-Mitglieder sagen, jetzt ist die Tür nach Europa aber zu, ist doch seltsam.

Als Anfang der 90er in Deutschland rechtsextreme Parteien im Aufwind waren und Asylheime brannten, ging ein Ruck durch Rock und Rap. Wo sind heute solche Initiativen?
Wenn sich ein Künstler überraschend politisch äussert, wird breit darüber berichtet. Wenn derselbe Künstler es immer wieder tut, schlägt die Stimmung um. Dann heisst es, er wolle sich bloss profilieren oder sei halt ein «Gutmensch» – ganz zu schweigen von den teils organisierten Hetzkampagnen in den sozialen Medien. Dieses Klima hat viele Künstler so verunsichert, dass sie lieber nichts sagen. Gleichzeitig wäre es falsch, zu behaupten, die heutige Musikszene sei apolitisch. Gerade im Hip-Hop gibt es unheimlich viel politische Wucht.

Bei wem zum Beispiel?
Ich denke da etwa an die Antilopen Gang oder Zugezogen Maskulin. Auch andere Kollegen machen mit ihrer gesamten Einstellung klar, wo sie stehen: Marteria zum Beispiel. Sprich: Wer das Bedürfnis hat, sich über Musik politisch zu positionieren, findet seine Acts und Vorbilder. Dagegen hat Gitarrenmusik einen schwierigeren Stand: In einem Popsong mit dreimal sechs Strophenzeilen und einem schmissigen Refrain ist es schwierig, komplexe politische Themen gut zu verarbeiten.

«Wenn derselbe Künstler sich immer wieder politisch äussert, dann schlägt die Stimmung um.»

Braucht es 2017 wieder einen Song wie «Sascha ... ein aufrechter Deutscher», ein Lied von Ihnen, das die rechtsextremen Republikaner 1993 verbieten wollten?
«Sascha» existiert ja. «Schrei nach Liebe» von den Ärzten ebenfalls. Wir spielen gerade beide Songs auf unserer Tour. Neue gesellschaftskritische Lieder sind dazu da, neue Beobachtungen zu verarbeiten. Gleichzeitig gibt es zeitlose Aussagen, die nichts an Dringlichkeit eingebüsst haben. Ein Anti-Kriegs-Lied wie «Sag mir, wo die Blumen sind» gerät immer mal wieder in Vergessenheit. Aber sobald es wieder knallt wie damals bei den Jugoslawienkriegen, bringt es alles auf den Punkt, was die Menschen bewegt. Da spielt es keine Rolle, wann es geschrieben wurde. Manchmal tut es auch die Weisheit vergangener Tage. Doch wenn ein Musiker politisch etwas auf dem Herzen hat, soll er es raushauen. Unbedingt.

«Wir sollten der Welt beweisen, dass wir langfristig eine positive Rolle spielen können.»

  • Impressum
  • Idee und Konzept: Patrick Kühnis und Iwan Städler
  • Interview und Text: Patrick Kühnis und Dominique Eigenmann
  • Fotos: thomasegli.net
  • Video: Thomas Egli und Jan Derrer
  • Art Direction: sanerstudio.ch
  • Produktion und Projektleitung: Dinja Plattner
  • Leitung Digitale Innovation: Michael Marti
© Tamedia