Das Geschäft mit dem grünen Gold

Zwei Berner Unternehmer haben sich auf den legalen Anbau von Cannabis spezialisiert.

Der im Hanf enthaltene Wirkstoff Cannabidiol ist im Trend und weltweit am Aufkommen. Viele wittern das grosse Geschäft.

Joël Zaugg und Mike Vuosio wirken angespannt und unruhig. Sie stehen kurz vor der Ernte: Bald sitzen sie auf Rohmaterial im Wert von mehreren Hunderttausend Franken, das es zu trocknen gilt, bevor es den Weg zum Abnehmer findet. «Wenn jetzt jemand das Feld abräumt, sind zwei Jahre Schweiss, Blut und Tränen dahin», sagt Zaugg. Deshalb wollen sie auch nicht in der Zeitung lesen, wo sich ihre Felder befinden. «Grossraum Biel. Das muss reichen.» Der Grund der Unruhe: Zaugg und Vuosio sind keine eigentlichen Landwirte. Sie sind die Inhaber der Opencrop GmbH und haben sich auf die Cannabiszucht spezialisiert. Auf dreieinhalb Hektaren haben sie dieses Jahr über 20'000 Pflanzen herangezogen – ganz legal: Es handelt sich um eine Zucht, die den Grenzwert der psychoaktiven Substanz THC unterschreitet, also weniger als ein Prozent davon aufweist. Dafür ist die Konzentration des Inhaltsstoffs Cannabidiol (CBD) erhöht und liegt, je nach Labortest, bei bis zu 20  Prozent – das ist zehnmal mehr als bei herkömmlichem Hanf.

Keine Nebenwirkungen

CBD ist so etwas wie grünes Gold: Der Inhaltsstoff hat eine beruhigende Wirkung ohne psychoaktive Nebenerscheinungen, das Extrakt ist gefragt und die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig. Darauf baut das Geschäftsmodell von Opencrop auf: «Wir verkaufen das Rohmaterial, aus dem die Inhaltsstoffe extrahiert werden können. Ob Medizin, Pharma-, Ernährungs- oder Beautyindustrie – dasselbe Produkt lässt sich für gutes Geld an unterschiedliche Branchen verkaufen», sagt Vuosio. Zusammen mit Zaugg hatte er 2013 die Idee, «so ein CBD-Ding durchzuziehen». Sie sind sicher, einen zukunftsträchtigen Markt betreten zu haben. Ein neuer Cannabis-Boom ist weltweit zu beobachten, in den letzten zwei Jahren zunehmend auch in der Schweiz: In Bern setzt etwa die «Hanfapotheke» auf CBD-haltige Kosmetikprodukte, in diversen Geschäften lassen sich Joints mit legalem Inhalt kaufen.

Auf den lehmigen Feldern der Opencrop-Gründer wachsen derzeit zwei Hanfsorten: eine grüne, buschige für Liebhaber, deren Duft und Geschmack identisch mit jenen des «Kiffer-Hanfs» sein sollen, daneben die etwas höher wachsenden Pflanzen mit Lilastich, die angeblich CBD-haltiger sind und mehr Harz produzieren. Mittlerweile haben Zaugg und Vuosio ein Labor im Berner Monbijou-Quartier eingerichtet. Hier gedeiht ihr nächstes Projekt: Indoor-CBD-Hanf – legaler Cannabis fürs Wohnzimmer – zum Selberzüchten.

Die Zucht ist nicht unproblematisch: Fast zwei Jahre lang kreuzten die beiden verschiedene Sorten und testeten diese wieder und wieder auf die Inhaltsstoffe. Mittlerweile sind aus den zweijährigen Urpflanzen die Kreuzungen hervorgegangen, die die gewünschten CBD- und THC-Anteile aufweisen. Schwierig gestaltete sich sodann die Suche nach den Feldern: «Viel Bauern sind verschlossen, weil der Cannabisanbau für sie neu ist.» Andere seien misstrauisch, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht hätten, sagt Zaugg. Hinzu komme das Sicherheitsproblem: «Die Felder müssen überwacht und abgesichert werden.» Gerade erst hätten sich Hanfdiebe im Feld bedient und mehrere Hundert Pflanzen geköpft. «Deren Kunden werden beim Konsumieren enttäuscht sein», sagt Vuosio.

Hanf: Was ist illegal?
Der Konsum von Cannabis ist in der Schweiz grundsätzlich verboten – so sieht es das Betäubungsmittelgesetz vor. Seit der Revision von 2011 sind allerdings Ausnahmebewilligungen möglich, etwa für medizinische Zwecke oder die wissenschaftliche Forschung. Trotz Strafandrohung wird weiterhin hemmungslos gekifft: Gemäss einer Studie, die 38 Länder einbezog, sind die Schweizer Jugendlichen sogar Weltmeister im Kiffen. Das Verbot ist für die Polizei ressourcenabhängig schwer durchsetzbar. Das Gesetz bezieht sich aber in erster Linie auf die psychoaktive Substanz Tetrahydrocannabinol (THC). Liegt der THC-Wert beim Hanf unter einem Prozent, hat er keine nachweisbare psychoaktive Wirkung mehr auf den Konsumenten: Er eignet sich nicht für Kiffer und ist strafrechtlich unbedeutend. Solche Sorten werden als Industrie- oder Nutzhanf klassifiziert, aus dem sich Seile, Vogelfutter oder eben Cannabidiol-Produkte herstellen lassen (siehe Haupttext). (gss)

Joël Zaugg und Mike Vuosio haben 20'000 Hanfplanzen gezogen.


Bauernverband sieht Potenzial

Doch der Anbau von Hanf kann für Bauern durchaus attraktiv sein, «Cannabis bietet potenziell eine bessere Wirtschaftlichkeit als etablierte Kulturen, da hier ein neuer Markt am Entstehen ist», sagt Andreas Wyss, der Geschäftsführer des Berner Bauernverbands. Als bekannt wurde, dass Bern an einem Pilotversuch zur kontrollierten Cannabisabgabe teilnehmen sollte, meldeten sich denn auch Dutzende Bauern als interessierte Produzenten – sie wollten sich ein Zubrot verdienen. Wie viele Berner Landwirte bereits Cannabis anbauen, kann Wyss aber nicht sagen. «Ich gehe davon aus, dass es nur einzelne sind.» Erfahrungen aus der Vergangenheit hätten gezeigt, dass der Hanfanbau agronomisch zwar relativ einfach sei. Punkto Sicherheit bestünden aber gewisse Risiken: «Die Überwachung der Felder ist aufwendig und gefährlich.» Nicht zu unterschätzen sei auch der notwendige Wissensaufbau in den ersten Jahren.

Nicht nur für viele Bauern, auch für die Polizei ist der legale Anbau von Cannabis eine Neuheit: In St. Gallen brannte sie jüngst den Ertrag eines ganzen Cannabisfelds nieder, obwohl dort gar kein Drogenhanf wuchs, wie sich später herausstellte. Der Pächter hatte es versäumt, den Anbau zu melden. Könnte das in Bern auch passieren? «Es gibt keine Pflicht, der Polizei den Anbau von legalem Cannabis zu melden», heisst es bei der Kantonspolizei Bern auf Anfrage. Man behalte sich jedoch vor, Stichproben zu nehmen und die Inhaltsstoffe vom Institut für Rechtsmedizin analysieren zu lassen. «Auch wenn wir Hinweise aus der Bevölkerung erhalten, werden entsprechende Ermittlungen getätigt.»

Bund lobt – und wiegelt ab

Joël Zaugg und Mike Vuosio sehen ihr Unternehmen als «Schnittstelle zwischen Forschung und Produktentwicklung». Gerne würden sie auch THC-reichen Cannabis anbauen, wie es eine Handvoll Produzenten für medizinische Zwecke tun dürfen. Dies bedarf aber einer Ausnahmebewilligung vom Bundesamt für Gesundheit (BAG). Sie hoffen daher auf eine Liberalisierungswelle: «Die Gesetze stehen nicht nur dem Markt, sondern auch dem wissenschaftlichen Fortschritt im Weg», sagt Vuosio.

Nicht nur die Opencrop-Inhaber schwören auf die heilende Wirkung von Cannabis. Im Internet
findet man kaum ein Leiden oder Gebrechen, das nicht durch einen der Inhaltsstoffe gelindert oder geheilt werden könnte. Für weltweites Aufsehen sorgte ein Fall aus den USA: Die sechsjährige Charlotte litt unter einer schweren Form von Epilepsie, herkömmlichen Medikamente zeigten keinerlei Wirkung. Einzig eine CBD-Lösung brachte Linderung: Aus über 40  Krämpfen pro Tag wurden ein paar wenige pro Monat, wodurch sich Liberalisierungsbefürworter aus aller Welt bestätigt fühlten.
Auch beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) sieht man Chancen im Anbau von Cannabis mit hohem CBD- und legalem THC-Anteil. «Es ist eine extrem vielseitig verwendbare Pflanze», heisst es auf Anfrage. Es sei auf jeden Fall legitim, das entsprechende Marktpotenzial auch zunehmend auszuschöpfen. «Auch gegen CBD als Medizin ist grundsätzlich nichts einzuwenden.» Von einem Wundermittel will man aber dann doch nicht sprechen: Es gelte zu bedenken, dass es zwar eine Vielzahl von erfahrungsmedizinischen Hinweisen auf die Wirksamkeit von CBD gebe. «In den meisten Fällen mangelt es aber an klinischen Studien.» Mit anderen Worten: «Eine fundierte Einschätzung des Heilpotenzials ist derzeit noch nicht möglich.»


Hanf: Was ist illegal?
Der Konsum von Cannabis ist in der Schweiz grundsätzlich verboten – so sieht es das Betäubungsmittelgesetz vor. Seit der Revision von 2011 sind allerdings Ausnahmebewilligungen möglich, etwa für medizinische Zwecke oder die wissenschaftliche Forschung. Trotz Strafandrohung wird weiterhin hemmungslos gekifft: Gemäss einer Studie, die 38 Länder einbezog, sind die Schweizer Jugendlichen sogar Weltmeister im Kiffen. Das Verbot ist für die Polizei ressourcenabhängig schwer durchsetzbar. Das Gesetz bezieht sich aber in erster Linie auf die psychoaktive Substanz Tetrahydrocannabinol (THC). Liegt der THC-Wert beim Hanf unter einem Prozent, hat er keine nachweisbare psychoaktive Wirkung mehr auf den Konsumenten: Er eignet sich nicht für Kiffer und ist strafrechtlich unbedeutend. Solche Sorten werden als Industrie- oder Nutzhanf klassifiziert, aus dem sich Seile, Vogelfutter oder eben Cannabidiol-Produkte herstellen lassen (siehe Haupttext). (gss)

Bilder: Adrian Moser, Franziska Rothenbühler
Text: Simon Gsteiger
Umsetzung: Gianna Blum

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