«Die USA brauchen eine strenge Mutter»

T. C. Boyle ist ein überzeugter Hillarian.

«Clinton ist Mama Amerika.»

Der Autor vor seinem Haus im Sequoia-Nationalpark.

«Die Republikaner, im Vergleich, stehen für nichts.»

Fotos: Cédric von Niederhäusern

Mit T. C. Boyle sprach Sacha Batthyany
Sequoia-Nationalpark

Der Weg zu T. C. Boyle führt erst auf sechsspurigen Autobahnen durch Los Angeles, vorbei an Santa Monica und Beverly Hills, hoch Richtung Sierra Nevada, wo die Luft besser wird und die grellen Werbeplakate der Fast-Food-Imbisse weniger. Nach drei Stunden befindet man sich mitten in einem dichten Wald auf staubigen Strassen und weiss vor lauter Bäumen nicht mehr weiter. Aber der Verlust an Orientierung ist ein gutes Zeichen. In seiner E-Mail mit der Wegbeschreibung schrieb Boyle ein paar Tage vor dem Treffen: «Wenn das GPS nicht mehr funktioniert und das Mobiltelefon kein Netz mehr findet, dann sind Sie bei mir richtig.» Boyle ist ein Eremit, der die Menschen liebt.

Nichts deutet bei seinem Haus darauf hin, dass es von einem der berühmtesten amerikanischen Autoren der Gegenwart bewohnt wird. Aus einem Zimmer mit Blick auf einen idyllischen Waldsee schreibt er seine Bücher über die Wunden in der amerikanischen Gesellschaft, den Rassenhass, den Gesundheitswahn und die Sexbesessenheit in diesem jungen Land, das sich nach Traditionen sehnt. Seine skurrilen Geschichten handeln vom Zusammenprall zwischen der Zivilisation und der Natur, von streunenden Kojoten in seelenlosen Vororten oder raubeinigen Aussenseitern, die in der Wildnis untertauchen.

Auf dem Tisch des überzeugten Vegetariers stehen Tortilla-Chips und ein Hummus-Dip, dazu gibt es Wasser und eine Flasche Cabernet Sauvignon. Abgesehen vom Hämmern eines Buntspechts herrscht absolute Stille.

Amerika im Gespräch (1)
Mit den TV-Debatten tritt der Kampf ums Weisse Haus in die entscheidende Phase. Wir reden mit drei US-Autoren. Ihr Blick auf Amerika ist so widersprüchlich wie das Land selbst.

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«Ich schreibe bis drei Uhr nachmittags.»

«Danach geh ich raus in die Wälder.»

Mehrmals im Jahr ziehen Sie sich in dieses Haus im Wald zurück, tief im Sequoia National Park, rund 350 Kilometer von Los Angeles entfernt. Hier oben gibt es keinen Handyempfang und kaum Internet. Fühlen Sie sich nie einsam?
Im Januar dieses Jahres kippte ein Baum vor lauter Schnee auf die Leitungen, worauf plötzlich der Strom wegfiel. Der Schnee drückte auf das Haus, es knarrte und krächzte, ich konnte die Türen kaum öffnen, weil sich das Gebälk verzog. Aber ich hatte genug Wein und Kerzen. Und nach drei Tagen habe ich mit einer Schaufel einen schmalen Weg durch die Schneemassen geebnet, bis zur Bar der kleinen Pension, wo ich mir ein paar Drinks genehmigte. In der Abgeschiedenheit lernt man, die kleinen Dinge im Leben zu schätzen.

Das einfache Leben im Wald, weit weg von der Zivilisation – das ist ein amerikanischer Mythos.
Finden Sie? Und was ist mit der Datscha der Russen? Den Holzhäusern der Finnen? Ziehen sich die Schweizer nicht auch gerne in ihre Berghäuser zurück?

Der Schriftsteller Henry David Thoreau schrieb in einer solchen Hütte die grosse amerikanische Erzählung «Walden». Ein Buch über die Natur, die Menschen und den zivilen Ungehorsam.
Ich liebe Thoreau, er ist einer meiner Helden. Ich war 2014 im Nachbau seiner Hütte am Walden Pond, ein kleines Zimmer nur, ein Ofen, ein Bett, mehr brauchte er nicht. Lange Zeit war der amerikanische Wald eine Art Rückzugsort für die Unzufriedenen, die Systemverweigerer, die Kauze unter uns. Früher gab es tatsächlich die Möglichkeit, in die Wildnis zu gehen und nach eigenen Regeln zu leben. Später mussten die Hippies, die zurück zur Natur wollten, bis nach Alaska. Doch selbst da ist man heute nicht mehr allein. Es gibt keine Wildnis mehr.

Wildnis vielleicht nicht, aber es gibt die Systemverweigerer noch. Ihr letztes Buch, «Hart auf hart», handelt von einem Paar, das sich an keine Regeln hält. Das Buch beginnt mit einem Zitat von D. H. Lawrence: «Die amerikanische Seele ist ihrem Wesen nach hart, einzelgängerisch, stoisch und ein Mörder.»
Amerika ist ein junges Land. Die ersten Europäer, die mit ihren Schiffen kamen, flohen vor fremder Kontrolle und Gefängnisstrafen. Sie wollten frei sein, gleichzeitig schlachteten sie ein paar Hunderttausend Indianer ab – der amerikanische Traum begann blutig. Dieser Drang nach Unabhängigkeit aber ist heute noch zu spüren: Niemand darf sich einmischen, der Staat zuletzt, sonst werden die Waffen gezückt.

Rührt aus dem Pioniergeist von damals auch der Hass auf Washington und das sogenannte Establishment, von dem in diesen Wahlen so oft die Rede war? Donald Trump und auch Bernie Sanders mobilisieren Millionen von Wählern mit dem Argument, sie seien Aussenseiter.
Da bin ich mir ganz sicher. Wir Amerikaner haben wenig Gemeinschaftssinn, jeder regelt seine Dinge auf seine Weise. Obamas Krankenversicherung etwa, in Europa längst Allgemeingut, gilt in den USA als kommunistisches Teufelswerk. Es ist grotesk. Jede Form von Gesellschaft bedeutet nun mal eine Beschränkung der individuellen Freiheit. Es braucht ein gesundes Mass an Regeln, sonst landen wir im Chaos.

Sagt ausgerechnet jemand wie Sie, der sich um Konventionen kaum schert?
Ja. Auch ein Punk wie ich will Regeln.

«Selbst in Alaska ist man nicht mehr allein.»

«Die Republikaner ernten, was sie gesät haben»: T. C. Boyle über Donald Trump. Video: Cédric von Niederhäusern, Lea Koch

Sie begeben sich in Ihren Büchern immer wieder auf die Suche nach der amerikanischen Seele. Haben Sie den Aufstieg von Donald Trump kommen sehen?
Nein, ich war ebenso überrascht wie alle anderen auch.

Sämtliche Polit-Journalisten aus der Hauptstadt hielten Trump lange für einen Clown. Später entschuldigten sich viele öffentlich für ihre Fehleinschätzung und meinten, sie hätten den Bezug zu den normalen Amerikanern da draussen verloren.
Wenn ich in Washington D. C. bin, verliere ich auch jeglichen Bezug zum echten Amerika. Die Stadt ist eine einzige Gerüchteküche, in der über Politik gesprochen wird wie in den übelsten Klatschmagazinen: Wer liegt vorn? Wer sagt was? Die Journalisten sollten raus aus ihren Büros und mit echten Menschen reden, statt ständig ihre Twittereinträge zu kontrollieren.

Gibt es eine Sache, die Sie an Trump mögen?
Ich mag, dass er sagt, was immer er sagen will.

Sie unterstützen seinen Feldzug gegen die politische Korrektheit.
Die politische Korrektheit hat dazu geführt, dass man Dinge nicht mehr beim Namen nennt oder sie gar verschweigt. Als Autor und Künstler kämpfe ich gegen jegliche Zensur. Inhaltlich aber ist Trump ein rechter Demagoge, widerwärtig und aggressiv. Er spielt mit den Ängsten der weissen Unterschicht, die sich zu Recht übergangen fühlt. Handelsverträge wie Nafta halfen nur den grossen Unternehmen, die Arbeiter aber gingen leer aus. Das nutzt Trump aus, aber er wird verlieren. Es wird eine historische Niederlage. Wobei ich ehrlich gesagt zugeben muss, dass ich dies auch schon 2000 sagte, als George W. Bush gegen Al Gore antrat. Ich war sicher, Bush würde verlieren. Nun, ich habe mich leider geirrt.

Ist Trump ein Punk?
Absolut.

Dann haben Sie beide etwas gemeinsam.
Vor vielen Jahren waren wir an einer Veranstaltung und kamen gut miteinander aus. Ein Redner vor uns hielt einen unglaublich langweiligen Vortrag, was uns ärgerte und für diesen einen Abend zusammenschweisste. Aber wissen Sie was? Ich möchte keinen Punk als Präsidenten.

«An Trump mag ich, dass er sagt, was er will.»

Wem stehen Sie inhaltlich näher, Bernie Sanders oder Hillary Clinton?
Ich mochte Bernie, weil er das Geld aus der Politik halten wollte. In Amerika hat ein Millionär mehr zu sagen als ein Normalbürger, denn das Geld bestimmt, worüber die Politiker sprechen. Kein Wunder also, dass die Republikaner das Wort Klimawandel nicht in den Mund nehmen: Sie werden bezahlt dafür zu schweigen. Sanders wollte das ändern. Er wollte den Lobbyisten in Washington die Macht entreissen und das Land demokratischer machen. Da bin ich natürlich dabei. Aber ich bin auch mit Hillary Clintons Mittelweg zufrieden. Die USA brauchen eine strenge, aber faire Mutter – und das ist sie. Clinton ist Mama Amerika. Vielleicht war noch kein Kandidat vor ihr so gut vorbereitet auf dieses Amt. Clinton steht für Frauenförderung, Multikulturalität und mehr Umweltschutz – die Republikaner, im Vergleich, stehen für nichts: Sie wollen die Reichen noch etwas reicher machen. Ich bin ein überzeugter Hillarian – die vergangenen acht Jahre war ich Obamist.

Woher kommt dieser tiefe Hass auf Clinton? Man muss mit ihr ja nicht einer Meinung sein, aber warum wird sie von so vielen Amerikanern verachtet?
Es hat mit der tiefen Spaltung in diesem Land zu tun. Die beiden Parteien sind zu neuen Religionen geworden, eine objektive Diskussion über politische Angelegenheiten ist kaum mehr möglich. Meine Nachbarn hier oben im Wald sind alle sehr freundlich und hilfsbereit. Sie würden ihr Leben für mich riskieren, wenn ich mir das Bein brechen und im Schnee liegen bleiben würde. Reden wir hingegen über Politik, dann ändert sich die Stimmung. Man wird zu Feinden, jeder bezichtigt den anderen zu lügen.

War das immer so?
Einen Graben gab es immer. Aber es sind die 24-Stunden-Nachrichtenkanäle, die die Menschen gegeneinander aufhetzen. Und die davon profitieren. Die Wahl spült den Sendern Millionen in ihre Kassen.

Sie gehören wie Trump und Clinton zu den frühen Babyboomern. In diesem Jahr wird wahrscheinlich zum letzten Mal ein Vertreter Ihrer Generation Präsident des Landes. Ist das eine gute Nachricht?
Die Babyboomer sind als Gruppe längst nicht so homogen, wie sie oft dargestellt werden. Klar, wir durchlebten wichtige gesellschaftliche Umwälzungen wie die sexuelle Revolution etwa. Aber je nachdem, ob wir als Millionäre in New York aufwuchsen, wie Trump, oder als Arbeiterkind, wie ich, sind wir doch sehr unterschiedlich herausgekommen. Zur wichtigsten Errungenschaft meiner Generation gehört das Umweltbewusstsein. Davor hat man ja einfach alles aus dem Fenster geschmissen.

Sie sind im Bundesstaat New York neben einem Atomkraftwerk aufgewachsen. Sprach man damals noch nicht von den Gefahren?
Nein, damals wussten wir von nichts und lebten in unschuldigen Zeiten. Man hat uns Kindern im Kraftwerk Zeichentrickfilme über Johnny Atom gezeigt, ohne den unsere neuen Waschmaschinen und Fernseher nicht laufen würden. Im Sommer sprühten sie uns das Gift DDT gegen die Mücken genau in unsere Kindergesichter.

«Die Republikaner stehen für nichts.»

«Umweltbewusstsein in Ehren – ich sehe schwarz.»

«Die Superreichen werden immer tun, was sie wollen.»

Donald Trump will bekanntlich eine Mauer bauen. Radikale Umweltschützer in den USA scheinen sein Vorhaben gutzuheissen. Aus ihrer Sicht führen mehr Menschen zu mehr Naturzerstörung. Auch Sie haben schon vor Überbevölkerung gewarnt. Hat Trump also recht?
Nein. Wir können Menschen nicht stoppen, die vor Krieg, Hungersnöten und Armut in eine bessere Welt fliehen, davon handelte schon mein Buch «América». Und es werden immer neue Flüchtlingswellen auf uns zukommen in den nächsten Jahren. Die Migrationsströme sind nicht zuletzt eine Folge der Klimaerwärmung. Trumps Mauer, aber auch die Stacheldrahtzäune in Ungarn oder Griechenland führen nur zu noch mehr Chaos. Was die Überbevölkerung betrifft, sehe ich leider nur eine Lösung: Wir alle müssen die nächsten hundert Jahre auf Sex verzichten. Wer ist dabei?

Hat die Dürre in Ihrem Staat Kalifornien wenigstens dazu geführt, dass nun die letzten Zweifler den Klimawandel ernst nehmen? Oder mit anderen Worten: Wird Amerika endlich grün?
In Montecito, wo ich wohne, wurden wir aufgefordert, 30 Prozent weniger Wasser zu verbrauchen. Der Rasen meiner Nachbarn aber ist noch immer so grün, als wären wir in Irland. Manche bohren auf ihren Grundstücken nach eigenem Wasser, um nicht auf ihr tägliches Bad verzichten zu müssen. Die Superreichen werden immer tun, was sie wollen. Auf der anderen Seite können sich die Armen Umweltschutz gar nicht leisten. In Krisen wie in Syrien oder in Venezuela geht es um Leben und Tod, da ist die Klimaerwärmung plötzlich weit weg. Das gestiegene Umweltbewusstsein in Ehren – ich sehe leider schwarz.

Das Klimaabkommen in Paris aber zeigt, dass durchaus Fortschritte erzielt werden können.
Aber die Klimaerwärmung ist nicht umkehrbar, die Ozeane werden nie sauberer, die Wälder breiten sich nicht mehr aus. Ich bin, wie jeder Umweltaktivist, zum Pessimismus verdammt. Aber okay, eine gute Nachricht gibt es: In spätestens 3,5 Milliarden Jahren wird sich die Sonne ausdehnen und die Erde in ein Stück Kohle verwandeln. Das dauert zwar noch ein Weilchen, aber so gesehen gibt es nichts zu befürchten. Nicht einmal Donald Trump. Bis es so weit ist, wird eine neue Spezies die Führung übernehmen. Viele Futurologen prophezeien ja den Aufstieg der Ratte. Sie wird uns alle überleben. Während des Klima-Gipfels in Paris bat mich eine Zeitung, einen Brief an die Menschen der Zukunft zu schreiben. Also schrieb ich: «Liebe Ratten der Zukunft ...»

Das ist nun wirklich sehr pessimistisch. Vom Balkon Ihres Hauses wirkt dieser Wald doch ziemlich intakt.
Aufgrund der fünfjährigen Dürre in Kalifornien wird jeder zweite Baum hier absterben, sie sind von einem Parasiten befallen, der sich aufgrund der Trockenheit ausbreiten konnte. Es ist ein Massaker im Gang. Die meisten Amerikaner aber wissen nicht, was verloren geht, wenn der Wald nicht mehr sein wird. Dieses Gefühl, allein in der Natur zu sein, ist schwer zu beschreiben. Nicht einmal meine Kinder verstehen, was ich stundenlang da draussen so treibe.

Was denn?
Es ist wie beim Schreiben oder Lesen, man tritt aus dem Körper heraus. Mein Geist beginnt zu wandern, meine Sinne aber schärfen sich. Oft werde ich gefragt, welchen wilden Tieren ich auf meinen Streifzügen begegne, worauf ich antworte: vor allem Ameisen. Manchmal sehe ich auch einen Fuchs oder einen Kojoten, seltener sind die Berglöwen. Gestern sah ich zwanzig fette Kühe im Wald. Die Bauern bringen sie im Sommer hoch und fangen sie wieder ein, wenn es kälter wird. Die Kühe, die ich gestern sah, waren die Ausbrecher, die Flüchtigen, die Freiheitsliebenden. Ich habe Stunden mit ihnen verbracht. Solche Momente in der Natur tun mir gut, weit weg von den Menschen.

Sie wirken nicht wie ein Menschenfeind.
Bin ich auch nicht. Aber ich brauche diese Abgeschiedenheit als Ausgleich. Ausserdem bin ich hier produktiver. Schreiben ist jetzt meine Sucht, ich hatte früher mal andere. Hier oben hält mich nichts zurück, ich schreibe bis drei Uhr nachmittags, danach geh ich raus in die Wälder. Als ich einmal Wochen alleine war und auf einem Spaziergang plötzlich ein Auto hörte, habe ich nicht etwa gegrüsst, sondern versteckte mich hinter den Bäumen.

Lieben Sie Ihr Land?
Oh ja. Das hält mich nicht zurück, vieles zu kritisieren. Ich bin als Arbeiterkind aufgewachsen und hatte einmal eine sehr innige Beziehung zu einer gesundheitsschädigenden Substanz. Heute unterrichte ich an einer Hochschule, im Herbst veröffentliche ich mein neues Buch, wie cool ist das? Das Schreiben hat mein Leben gerettet. Ich habe das grosse Glück, in einer Demokratie zu leben, in der ich alles sagen darf und in der ich nicht zu befürchten habe, dass mich jemand für meine Worte von einer Klippe stürzt.

«Das Schreiben hat mein Leben gerettet.»

«Allein in der Natur zu sein, ist schwer zu beschreiben.»

«Nicht einmal meine Kinder verstehen, was ich da tue.»

Der Rattenfänger von Montecito

T. C. Boyle wurde vom Junkie zum Bestsellerautor. Heute ist das Schreiben seine Obsession.


Thomas Coraghessan Boyle wurde am 2. Dezember 1948 als Thomas John Boyle in Peekskill im Bundesstaat New York geboren. Seinen zweiten Vornamen hat er sich selbst verpasst, es war ein erster Akt der Rebellion. Boyle, der in seiner Jugend in verschiedenen Bands spielte, ist der Punk unter den berühmten amerikanischen Autoren. Seine Kleidung könnte aus der Garderobe des Rolling-Stones-Gitarristen Keith Richards stammen.

Wenn er nicht im Wald ist, lebt Boyle mit seiner Frau und drei Kindern in einem Haus im kalifornischen Nobelort Montecito, wo es von Ratten nur so wimmelt, wie er auf einem Spaziergang nach dem Gespräch erzählt. Weil er es aber nicht übers Herz bringe, sie zu töten, fängt er sie mit Erdnussbutter und fährt die Nager einmal pro Woche in die Berge, wo er sie freilässt und «wo sie wahrscheinlich von Kojoten gefressen werden».

Angesprochen auf sein Leben, winkt Boyle ab. «Meine Biografie zu verfassen, wäre eine langweile und kurze Angelegenheit», sagt der Bestsellerautor, der auch an der University of Southern California lehrt, etwas allzu kokett. «Ich tue, was ich am liebsten tue: Ich schreibe – und das macht mich glücklich. Viel mehr gibt es über mich nicht zu erzählen.» Ganz so linear und unbeschwert aber verlief sein Leben nicht.

Musikalische Krokodile und fliegende Vögel

Boyle wuchs in schwierigen Verhältnissen auf. Der Vater arbeitete als Schulbusfahrer, die Mutter als Sekretärin; beide Elternteile waren Alkoholiker und verstarben früh. In seiner Jugend trieb sich Boyle laut eigenen Angaben als Gelegenheitsfixer und Schulschwänzer herum, den Highschool-Abschluss schaffte er nur knapp. Von dem Moment an, als er seine Neigung und sein Talent fürs Schreiben erkannte, setzte er alles daran, es zu seinem Lebensinhalt zu machen. «Schreiben wurde zur Obsession, die ich als Junkie niemals hätte ausleben können», sagt Boyle. Er schreibe jeden Tag bis 15 Uhr, danach streife er mit seiner Hündin planlos im Wald herum und versuche, sich zu verlieren.

1981 erschien Boyles erster Roman «Wassermusik», der bereits von jener satirischen Handschrift geprägt war, die später zum Markenzeichen des Autors werden sollte. Fritz J. Raddatz, der legendäre Literaturchef der «Zeit», meinte zu Boyle, dass bei diesem Autor auch schon mal ein Krokodil Harfe spiele. Im Laufe der Jahre veröffentlichte er ein Dutzend Bestseller, darunter «Worlds End», «Willkommen in Wellville», «América» oder «Dr. Sex». Anfang 2017 erscheint sein neues Buch auf Deutsch, «Die Terranauten», das von vier Männern und vier Frauen handelt, die in einem wissenschaftlichen Experiment unter einer riesigen Glaskuppel in Arizona versuchen, eine neue Welt zu erschaffen.

Es ist schon beinahe dunkel, als T. C. Boyle von seinem Spaziergang zurückkehrt. Er müsse noch Holz hacken, das Wetter schlage bald um, der Herbst liege in der Luft. «Man kann am Flug der Vögel erkennen, dass es kälter wird», sagt Boyle, worauf er zu lachen beginnt. «Ach was, das ist natürlich Quatsch. Ich habe die Wetterprognosen im Radio gehört.»

Sacha Batthyany

«Viel mehr gibt es über mich nicht zu erzählen.»

  • Impressum
  • Idee & Konzept:Christof Münger
  • Interview & Text:Sacha Batthyany
  • Fotos & Video:Cédric von Niederhäusern
  • Bildredaktion:Koni Nordmann
  • Videoproduktion:Lea Koch, Veronika Ebner
  • Produktion:Raphael Diethelm
  • Projektleitung:Dinja Plattner
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