«Wir Konservativen stehen auf dem Index»

Roy M. Griffis schreibt – und wählt trotzdem Donald Trump.

«Sprüche über uns gelten als guter Humor.»

Der Autor in einem Café im kalifornischen Blue Jay.

«Viele Konservative fühlen sich isoliert.»

Fotos: Cédric von Niederhäusern

Mit Roy M. Griffis sprach Sacha Batthyany
San Bernardino

Die wichtigen amerikanischen Verlage sitzen in der Regel in New York, genauer gesagt in Manhattan, und tragen so elegante Namen wie Simon & Schuster oder Farrar, Straus and Giroux. Wer hier unter Vertrag kommt, dem sind Besprechungen in Zeitungen, Magazinen und Onlinemedien gewiss, es folgen Lesungen in Bibliotheken und Literaturfestivals im ganzen Land. Manhattan ist für die amerikanische Literatur, was Hollywood für den Film und Nashville für die Countrymusik ist.

Roy Griffis aber, der seit Jahren Romane, Kurzgeschichten und Drehbücher schreibt, ist nicht Teil dieser «Manhattan-Blase», wie er sie nennt. «In New York weiss keine Sau, dass ich existiere», sagt er im Gespräch. Er ist sozusagen in der Gegenwelt zu Hause, «abseits des Mainstreams», sagt er, wo die Spannteppiche der Verlagshäuser nicht ganz so edel seien. Griffis schreibt für einen Nischenverlag, der konservative Autoren wie ihn fördert. Er hat einen satirischen Blog namens The Right-Wing-Riot, Aufstand der Rechten, und schreibt für rechtskonservative Websites wie PJ Media. Roy Griffis, 58, wirkt auch nicht, wie einer dieser typischen Ostküstenschriftsteller, er ist gross und kräftig, war mal Rettungsschwimmer der US-Coast-Guard. Und weil Schreiben zwar sein Leben bedeutet, er vom Schreiben aber nicht leben kann, arbeitet er nebenbei als IT-Verantwortlicher in einer kleinen Firma.

Griffis sitzt an einem Tisch in der Nähe des Stausees Lake Arrowhead, San Bernardino County, Südkalifornien, und trinkt schwachen Filterkaffee aus einem Pappbecher. Auf die Frage, wie viel Zeit er für ein Gespräch habe, antwortete er ein paar Tage zuvor: «So lange du willst, Dude!»

Amerika im Gespräch (3)
Mit den TV-Debatten tritt der Kampf ums Weisse Haus in die entscheidende Phase. Wir reden mit US-Autoren. Ihr Blick auf Amerika ist so widersprüchlich wie das Land selbst.

«Mir wird immer dieselbe Weltsicht präsentiert.»

«Das langweilt mich als Leser und Filmliebhaber.»

Weshalb gibt es so wenige konservative Autoren? Wir haben lange gesucht, bis wir jemanden fanden, der öffentlich zugibt, Donald Trump zu wählen — und sind schliesslich bei Ihnen gelandet.
Ich war eine Zeit lang Mitglied der Writers Guild of America, einer Gewerkschaft für Autoren und Drehbuchschreiber in Hollywood. Und wir Konservativen standen auf dem Index. Wer konservative Ansichten vertrat, erhielt keine Aufträge und wurde gemieden, deshalb bin ich ausgetreten. Um es ganz salopp zu sagen: Seit Richard Nixon gilt es unter Autoren einfach nicht als cool, konservativ zu sein. Die Coolen, das waren die, die den Krieg in Vietnam anprangerten und ein Leben führten wie die Hippies. Wir, die wir auf der anderen Seite standen, erhielten Watergate und den Stempel verpasst, wir seien bieder und angepasst.

Aber es gibt doch Millionen von republikanischen Wählern, die wollen doch auch ihre Geschichten. Wieso gibt es keine Autoren für sie?
Das hat mit den sogenannten Gatekeepern zu tun. Damit meine ich die geballte Medienmacht und das Verlagswesen der Ostküste, vor allem in New York. Wenn man nicht nach deren liberaler Pfeife tanzt, wird man nicht beachtet.

Vielleicht wird man nicht beachtet, weil man nicht gut genug ist.
Aber was heisst gut? Wer entscheidet über Qualität? Wer hat die Macht, den Daumen nach oben oder unten zu richten? New York, das ist eine Blase. Die Journalisten und Lektoren haben alle dieselben Eliteschulen besucht und teilen denselben Freundeskreis. Es gibt das Zitat der berühmten Filmkritikerin des Magazins «The New Yorker», Pauline Kael. Sie hat sich gefragt, wie Nixon überhaupt gewählt werden konnte. «Ich kenne niemanden, der ihm seine Stimme gab.» Natürlich kannte sie niemanden, sie sah die Welt ja auch nur aus ihrer netten Wohnung in Manhattan. Aber an dieses Zitat muss ich oft denken, wenn ich Zeitung lese, denn da werden so viele Klischees über uns Konservative wiederholt. Sie wissen schon: Wir sind die Gestrigen, die Engstirnigen, manchmal nennt man uns auch einfach nur Rassisten. Wer Klischees über Afroamerikaner verbreitet, der wird angegriffen. Über Konservative Sprüche zu klopfen, gilt als guter Humor. Ich empfinde das als ungerecht. Viele Konservative fühlen sich isoliert, weil sie Angst haben vor den Reaktionen.

Aber Klischees gibt es auch von rechter Seite. Der naive Gutmensch zum Beispiel. Oder der Ausländer, der dem Sozialstaat auf der Tasche liegt.
Die gibt es auch, einverstanden. Aber die Liberalen haben die grössere Medienmacht, man muss nur durch die allabendlichen Late-Night-Shows zappen. Wir kommen ganz sicher schlechter weg als die Demokraten, glauben Sie mir.

Was ist mit Fox News? Was ist mit den rechten Bloggern und den konservativen Radio-Shows?
Im Vergleich zur Öffentlichkeit, die das linke Hollywood oder die «New York Times» generiert, sind das kleine Fische.

«Die Liberalen haben die grössere Medienmacht.»

Sie glauben nicht an einen objektiven Journalismus.
Nein. Ich bin ein Autor, ich weiss, wie man Geschichten erzählt. Jeder hat einen Hintergrund, jeder seine Agenda. Nehmen Sie Donald Trump, der wurde von den meisten Journalisten lange Zeit unterschätzt. Sie haben seinen Aufstieg schlicht verschlafen und treten jetzt, da er oben steht, umso heftiger gegen ihn. Es ist eine Kompensation für das eigene Versagen, da bin ich ganz sicher. Oder nehmen Sie einen ganz anderen Fall: George Zimmerman, der Wachmann, der 2012 den jungen Trayvon Martin erschoss. Zimmerman sei weiss, Martin schwarz, so lautete das Narrativ der Medien. Dabei stammt Zimmermans Mutter aus Peru, George selbst bezeichnete sich als Latino.

Na und?
Na und, was?

Zimmerman hat einen unschuldigen Menschen erschossen. Er hielt ihn für einen Einbrecher, nur weil er schwarz war und eine Kapuze anhatte. Das ist der Skandal.
Das Narrativ ist entscheidend: der weisse Täter gegen das schwarze Opfer. Ich finde ja nicht alles schlecht, was die «Times» schreibt. Aber ich finde es als Leser und auch als Filmliebhaber langweilig, wenn mir immer dieselbe Weltsicht präsentiert wird. Hollywood und die berühmten Schreiber sehen alles durch die liberale Brille, achten Sie mal drauf.

Nennen Sie Beispiele.
Es gibt unzählige. Wer einmal beginnt, genauer hinzusehen, dem fällt es wie Schuppen von den Augen. Stephen King ist zweifelsfrei ein talentierter Schreiber, ein Bestsellerautor, aber ich ertrage seine Bücher nicht. Die korrupten Politiker in seinen Geschichten sind immer Republikaner, immer weiss und katholisch. Oder haben Sie schon einmal in einem King-Roman von einem schwarzen Kongressabgeordneten gehört, der 100'000 Dollar Schmiergelder in seinem Kühlfach aufbewahrt? Eben. Mehr Beispiele?

Bitte.
Neulich habe ich mir den Pilotfilm der Serie «Scandal» angeschaut, über Intrigen in Washington. Der Mörder war ein konservativer, weisser Tea-Party-Mann, ein Christ, ganz und gar humorlos und weltfremd, das ist mir zu einfach. Ich kenne viele Drehbuchschreiber, die aus ihren Bösewichten weisse Neonazis machen müssen, weil das bei den Studiobossen gut ankommt und keinen Ärger verursacht.

Und was ist mit all den Filmen über muslimische Terroristen, die Amerika bedrohen?
Gibt es denn so viele? Da bin ich mir nicht sicher. Nehmen Sie die erfolgreichen Jason-Bourne-Filme mit Matt Damon. Wer ist da der Teufel? Die CIA.

Vielleicht stimmt das ja auch.
Die CIA wird Leichen im Keller haben, das kann schon sein. Aber so schlecht, wie sie in unseren Filmen dargestellt wird, ist sie nicht. Es ist diese Überzeichnung, die mich stört. Und die Überzeichnung geschieht aus dem Blick der Liberalen, nicht der Konservativen. Das alles erinnert mich an einen Begriff aus der Filmwissenschaft, kennen Sie den «Magic Negro»?

Nein.
Seit den Sechzigerjahren gibt es in vielen Filmen eine äusserst integere, allwissende Figur, gespielt von Afroamerikanern. Oft sind sie klüger als ihre weissen Mitstreiter. Es sind Menschen mit speziellen Fähigkeiten, manche können zaubern, andere sind voller Empathie: das ist der «Magic Negro». Damit will man versuchen, das Bild der Schwarzen in der Gesellschaft zu korrigieren. Es ist auch hier eine Art Kompensation für alles Schlechte, das man ihnen angetan hat. Ich kann das natürlich verstehen, aber oftmals wirkt es eben aufgesetzt und plump. Schwarze Filmemacher wie Spike Lee äusserten sich schon kritisch darüber, weil es das Bild der Afroamerikaner abermals verzerre. Neuerdings beobachte ich dasselbe Phänomen mit Homosexuellen. In vielen Serien und Filmen treten Homosexuelle seit ein paar Jahren als weise Ratgeber auf. Sie helfen den verwirrten Heteros aus einer emotionalen Lebenskrise. Noch einmal. Ich habe weder etwas gegen Schwule, noch bin ich Rassist. Ich spreche aus der Sicht eines Autors und Konsumenten, dem das alles zu klischiert und oberflächlich ist.

Ich glaube, so kommen wir nicht weiter, wenn wir uns stundenlang verschiedene Filmbeispiele an die Köpfe werfen. Sie sagten vorhin, viele konservative Autoren fühlten sich isoliert. Hat sich dieses Gefühl in den vergangenen Jahren verstärkt oder ist es schwächer geworden?
Nun, für uns Schreiber hat sich eine Sache grundlegend verändert. Vor ungefähr zehn Jahren betrat ein neuer Spieler die Arena: Amazon. Vieles hat sich seitdem verändert. Ich bin, wenn ich etwas veröffentlichen möchte, nicht mehr auf New York angewiesen. Es gibt viel mehr Nischen- und Eigenverlage. Bücher, die früher abgelehnt wurden, finden dank Amazon ein Publikum. Aber cooler sind wir deswegen nicht. Jemand wie John Stewart ist cool, der ehemalige Moderator der «Daily Show». Hat sich Stewart je über einen Demokraten lustig gemacht? Er haut immer nur Republikaner in die Pfanne.

«Stephen Kings Bücher ertrage ich nicht.»

«Wir sind nicht gefangen in der Konsumgesellschaft.»

«Hört endlich auf mit dieser Opferhaltung.»

Erzählen Sie etwas über Ihre Bücher.
Ich habe zum Beispiel eine Trilogie geschrieben, Geschichten über Menschen in verschiedenen historischen Epochen in diesem Land. Dazu kam vor ein paar Jahren die Arbeit an «Big Bang», weil ich frustriert war darüber, wie die Presse George W. Bush behandelt. Bush war nie mein Wunschkandidat, aber mir gefiel, wie er nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center unser Land anführte. Doch in den Medien las ich immer nur Vernichtendes über ihn, wir würden Kriege führen für Öl und all das. Ganz im Gegensatz zu Obama, der noch so viele Menschen mit seinen Drohen erledigen kann, man nimmt es dem Friedensnobelpreisträger seltsamerweise nicht übel. «Big Bang» handelt davon, wie die Welt aussähe, wenn al-Qaida die Weltherrschaft an sich gerissen hätte. Wie sähen unsere Städte aus? In welchem Zustand wäre die Welt? Darüber schreibe ich.

Ihr Buch erschien beim rechtskonservativen Verlag Liberty Island.
Liberty Island will ein Gegengewicht schaffen zur Verlagsblase in New York. Natürlich sind wir viel kleiner. Der Verlag wurde von Adam Bellow mitgegründet, dem Sohn von Saul Bellow.

Dem Literaturnobelpreisträger?
Genau dem. Adam wuchs in New York auf, er war also Teil dieser Blase, bis er begann, die Sätze, die er täglich hörte, zu hinterfragen. Und so wurde er zum Konservativen. Er mochte meine Art, Geschichten zu erzählen, und unterstützte mich. Ich führe auch einen Blog auf der Seite, in der ich auf aktuelle politische Fragen eingehe.

Wie sind die Reaktionen auf das Buch «Big Bang»?
Meiner Frau gefällt es. Meinen Nachbarn auch. Ich habe es einem liberalen Autor in Hollywood geschickt, der es las und danach antwortete: «Du Bastard!» Ich nahm es als Kompliment.

Lesen Sie eigentlich die Romane grosser amerikanischer Autoren wie T. C. Boyle, Jonathan Franzen oder Don de Lillo?
Früher schon. Bis ich ungefähr 35 Jahre alt war, hat mich die Sprachgewalt fasziniert, der literarische Gehalt. Aber heute kann ich diese Bücher nicht mehr lesen, weil sie mit meinem Leben nichts zu tun haben.

Literatur war noch nie Lebenshilfe.
Ich halte dieses seitenlange Jammern über irgendwelche Probleme nicht mehr aus, ganz ehrlich. Dieses Suhlen in den eigenen Schwächen. Ich denke dann immer: Hey Dude, steh doch auf und tu was! Ändert euch, wenn es euch so stört, aber hört auf zu winseln.

Was lesen Sie denn?
Ein Sachbuch über die Maya und deren verborgene Städte liegt momentan auf meinem Nachttisch. Ich mag die Marvel Comics und ihre Superhelden. Entgegen dem, was Ihr Europäer darüber denkt, sind das fein gezeichnete Charaktere.

«Tut was, aber hört auf zu winseln.»

Viele Amerikaner sind besessen von Superhelden wie Hulk, Captain America oder Thor, weil sie sich eine starke Figur wünschen, die im letzten Moment den Untergang der Welt verhindert und alles wieder in Ordnung bringt.
Falsch. Die Geschichten sind oft sehr komplex aufgebaut und haben facettenreiche Wendungen. Im Vergleich dazu langweilt mich die meiste Literatur. Neulich las ich «Fight Club» von Chuck Palahniuk, kein Jonathan Franzen, den man in Europa verehrt, aber immerhin. Die These des Buches ist, dass wir alle gefangen sind in der Konsumgesellschaft. Und je länger ich darin las, desto mehr dachte ich: «Nein, sind wir nicht.» Wir sind nicht gefangen, hört endlich auf mit dieser Opferhaltung.

Jetzt klingen Sie wie Donald Trump. Er mag auch keine Verlierer, er hasst Schwächlinge. Er lästerte sogar über Senator John McCain, weil er in Kriegsgefangenschaft kam.
Trump ist ein Clown, der seine Meinungen täglich wechselt. Ich las sein Buch «Wie man reich wird», und ich bin immer mehr davon überzeugt, dass es Trump nur darum geht zu gewinnen. Er weiss nicht, was danach kommt, es scheint ihn auch nicht zu interessieren. Er will einfach als Erster über die Ziellinie. Er will ins Weisse Haus.

Trump ist ein Clown und trotzdem werden Sie ihn wählen?
Was bleibt mir anderes übrig? Er ist das kleinere Übel.

Es muss frustrierend sein, jemanden zu unterstützen, dem man nichts zutraut.
Oh ja. Ich könnte eine Proteststimme abgeben und Ted Cruz wählen. Aber das würde nur Clinton helfen und das möchte ich um jeden Preis verhindern. Es ist sogar doppelt frustrierend für mich, denn ich lebe in Kalifornien. Hier werden die Republikaner nie gewinnen, da geht noch eher die Welt unter. Irgendwo las ich, dass die Medien Donald Trump deshalb so oft in ihren Berichten erwähnten, weil sie wollten, dass er die Nominierung gewinnt. Die Medien haben ihn gross gemacht, weil sie sicher sind, dass er gegen Clinton verlieren wird. Es sei also alles von langer Hand geplant.

Jetzt sind wir im Bereich der Verschwörungstheorien angelangt.
Mag sein. Aber die Theorie ergäbe einen guten Film. Haben Sie «Wag the Dog» gesehen? Das ist eine ähnliche Geschichte.

Gibt es eine Sache, die Sie an Hillary Clinton mögen?
Da muss ich überlegen. Sie hat zwar Erfahrung, aber was genau hat sie erreicht? Sie hat keine Prinzipien. Sie gibt vor, für den kleinen Mann zu sein, den Arbeiter, der nicht weiss, wie er das Monatsende übersteht. Gleichzeitig kassiert sie für ihre Reden fünfstellige Summen. Der einzige Moment, in dem sie so etwas wie Standfestigkeit bewies, war, als Bill fremdging. Das gefiel mir. Doch ich gehe davon aus, dass sie es aus Eigennutz tat, um ihre Karriere voranzutreiben. Sie profitiert seit Jahren von ihrem Nachnamen. Sollte sie die Wahl gegen Trump verlieren, nach allem, was sie ertragen musste, wird sie ihren Mann mit einem Traktor überfahren.

«Clinton hat Erfahrung, aber keine Prinzipien.»

«Trump ist das kleinere Übel.»

«Was bleibt mir anderes übrig?»

Kampf gegen den Jihad vor der Haustür

Roy M. Griffis sagt, wir bräuchten Geschichten, um zu überleben. Aber vor allem auch Waffen.


Wie immer, wenn man mit konservativen Amerikanern über Politik spricht, landet man früher oder später beim Thema islamistischer Terrorismus. Auch Griffis empfindet den Jihad als grösstes Sicherheitsrisiko für sein Land und als echte Gefahr für sein Leben und die Zukunft seiner Kinder.

Als am 2. Dezember 2015 die beiden Attentäter Syed Farook und Tashfeen Malik in San Bernardino, ganz in der Nähe von Griffis’ Wohnort, 14 Menschen töteten und 21 weitere verletzten und sich zur Terrormiliz IS bekannten, sah sich Griffis in seiner Angst bestätigt. An jenem Tag starb ein guter Freund von Griffis' Frau, sie gingen gemeinsam in dieselbe Kirche. «Es war klar, dass so etwas passiert und es wird wieder passieren», sagt Griffis über den Terroranschlag. Für ihn könne nur eine Lockerung der vergleichsweise strengen Waffengesetze in Kalifornien ein weiteres Attentat verhindern. «Anders als in Texas zum Beispiel, darf man seine Pistole nicht mit sich herumtragen», was Griffis als fatalen Fehler bezeichnet. Wären die Opfer bewaffnet gewesen, hätten sie «das Massaker verhindern können».

Es ist die Waffenlogik des rechten Amerikas, die auch Donald Trump vertritt. Trump forderte kurz nach dem Attentat in San Bernardino, mitten im Vorwahlkampf zur Nominierung des Präsidentschaftskandidaten, nicht nur eine Aufhebung von waffenfreien Zonen in Schulen, sondern auch ein temporäres Einreiseverbot für alle Muslime, worauf seine Umfragewerte in die Höhe schnellten.

«Ihr Europäer habt ja eh das Gefühl, wir seien alle verrückt»

«Wer die Gefahr, die vom islamistischen Terror ausgeht, unterschätzt, so wie alle Demokraten, der soll mein Buch ‹Big Bang› lesen», sagt Griffis und kündigt an, bereits an einer Fortsetzung zu arbeiten. Nicht weil der erste Teil so viel Erfolg gehabt habe, sagt er lachend, sondern weil es für ihn eine Herzensangelegenheit sei. «Wir müssen endlich die Augen öffnen und uns wehren», sagt er. «Aber ihr Europäer habt ja eh das Gefühl, wir seien alle verrückt wegen unserer Waffen, stimmts?» Dabei sei doch bei den Terroranschlägen von Paris, Brüssel und Nizza genug Blut vergossen worden. «Wieso unternehmt ihr nichts dagegen?» Die Waffen seien nicht böse, so Griffis, «die Menschen sind es.»

Griffis ist in Texas geboren, er hat als Hausmeister und Kellner gearbeitet, und daneben immer geschrieben und auf seinen Durchbruch als Autor gewartet. Ob der noch komme oder nicht, sei ihm mittlerweile egal. «Wir Menschen brauchen Geschichten, um zu überleben», sagt er und führt uns nach dem Gespräch zu einem Aussichtspunkt, von wo man über das ganze San-Bernardino-Tal sieht, bis nach Los Angeles im Westen – die unendliche Weite Kaliforniens.

«Ist es nicht herrlich hier oben?», fragt Griffis’ Frau Alisa, die uns begleitet. Fast könne man all die Probleme und Sorgen vergessen, sagt sie. Dabei würde die Idylle trügen, der Ort liege in einer Erdbebenzone, «hier zittern die Wände immer wieder.» Das San-Bernardino-Tal sei auf einer weichen Gesteinsschicht aufgebaut, sagt Alisa ganz ruhig, als würde sie übers Wetter sprechen. «Kommt es hier einmal zu einem richtig starken Beben, was theoretisch jeden Tag passieren könnte, würde das Tal und Millionen von Menschen einfach vom Erdboden verschluckt.»

Sacha Batthyany

«Wir müssen die Augen öffnen und uns wehren.»

  • Impressum
  • Idee & Konzept:Christof Münger
  • Interview & Text:Sacha Batthyany
  • Fotos & Video:Cédric von Niederhäusern
  • Bildredaktion:Koni Nordmann
  • Videoproduktion:Lea Koch, Veronika Ebner
  • Produktion:Raphael Diethelm
  • Projektleitung:Dinja Plattner
© Tamedia